Kompass für Kinder und Familien

Von ihrem Wohnort in Zuckenriet aus leiten Gabriele und Joachim Buss die Bussola AG. Diese ist spezialisiert auf die Platzierung und Begleitung von Kindern und Jugendlichen in Gast- und Pflegefamilien. Die beiden reden über Kinderrechte, Kosten und die KESB.

Herr und Frau Buss, seit über 15 Jahren organisieren und begleiten Sie Fremdunterbringungen für Kinder und Jugendliche in Krisen und Notlagen. Hat die Zahl der Fälle in dieser Zeit zugenommen?

Joachim Buss: Die Zahlen sind leicht rückläufig. Das liegt daran, dass Eltern und Kinder heute ernster genommen werden und mehr Unterstützung erfahren – sei es durch die Schulsozialarbeit oder durch Familienbegleitungen. Erst wenn alle ambulanten Massnahmen nicht fruchten, kommen wir zum Einsatz. In der Regel bekommen wir dann eine Anfrage von der KESB oder von Berufsbeiständen.

Gabriele Buss: Es ist gut, dass zuerst die ambulanten Hilfen ausgeschöpft werden. Man muss sich bewusst sein, dass eine Fremdplazierung ein massiver Eingriff ist in das Leben eines Kindes oder Jugendlichen sowie deren Familie. Ist eine Fremdunterbringung dennoch unumgänglich, so ist es umso wichtiger, dass es tragfähige Pflegefamilien gibt, die mit beiden Beinen im Leben stehen und auch wissen, was auf sie zukommt.

Ist es schwierig, solche Familien zu finden?

Joachim Buss: Aktuell sind 40 Gast- und Pflegefamilien an Bussola AG angeschlossen. Bei Anfragen entscheiden die Familien, ob sie jemanden aufnehmen wollen oder nicht. Auch bieten wir an, dass sie uns jederzeit anrufen und eine Beratung in Anspruch nehmen können. Auch können wir vor Ort sein, wenn es die Situation erfordern sollte. Einige Familien sind schon seit Anfang an dabei, andere sind später dazu gekommen. Pflegefamilien leisten einen wichtigen Beitrag in der Kinder- und Jugendhilfe und haben eine grosse Wertschätzung und Anerkennung verdient.

Mit welchen Kindern und Jugendlichen haben Sie zu tun und welche Probleme haben diese?

Gabriele Buss: Probleme liegen nicht allein bei den Kindern und Jugendlichen. Es gibt sehr viele Gründe und Ereignisse, die dazu führen, dass die leiblichen Eltern kurz oder langfristig nicht in der Lage sind, ihre Kinder gut zu versorgen und zu erziehen. Etwa wenn eine Mutter schwer körperlich oder psychisch erkrankt, länger hospitalisiert werden muss, der Vater berufstätig ist und Familienangehörige fehlen, die einspringen können. Krisen von Kindern und Jugendlichen sind auch Krisen in den Familien.

Das Thema «Verdingkinder» rückt immer wieder ins gesellschaftliche Bewusstsein. Wie wird heute der Schutz von fremdplazierten Kindern gewährleistet?

Joachim Buss: Bis 1981 konnten Kinder und Jugendliche ihren Eltern mit Beschlüssen ohne Rechtsmittelbelehrung weggenommen werden. Seither hat sich viel verändert. Heute stehen die Rechte von Kindern und Jugendlichen im Zentrum. Dennoch sollte kritisch darauf geachtet werden, dass diese Rechte auch eingehalten werden, und darin sehen wir unsere wichtigste Aufgabe.

Gabriele Buss: Pflegefamilien werden professionell auf ihre Eignung hin abgeklärt. Ein Pflegeverhältnis steht unter behördlicher Aufsicht. Fachpersonen schauen heute genau hin.

Vor rund zwei Jahren wurde die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde KESB gegründet. Welche Erfahrung haben Sie mit dieser Behörde gemacht?

Gabriele Buss: Zurzeit wird in den Medien gegen die KESB geschossen, doch ich finde, dass sich durch die KESB im Kindesschutz vieles zum Guten verändert hat. Neu befassen sich keine Laienbehörden mehr mit betroffenen Kindern und Jugendlichen, sondern Fachpersonen. Durch das Zusammenleben in derselben Gemeinde und der Anwendung von Alltagslogik bestand die Gefahr, dass Laienbehörden zu einfachen Erklärungen und Lösungen für komplexe, soziale Probleme gekommen sind.

Im Zusammenhang mit der Professionalisierung im Sozialbereich fällt gelegentlich der Begriff Sozialindustrie. Menschen verdienen quasi ihr Geld mit den Problemen anderer, lautet der Vorwurf.

Joachim Buss: Sobald etwas kostet, werden solche Unwörter geschaffen. Kindesschutz und Fremdunterbringungen sind sehr personalintensiv. Es muss rund um die Uhr jemand da sein. Diese Dienstleistungen kosten Geld. Das ist aber auch in anderen Bereichen so – zum Beispiel in Spitälern. Auch Schulen kosten Geld. Wir sagen immer: Es ist gut, wenn es uns braucht, aber es ist noch besser, wenn es uns nicht braucht.

Gabriele Buss: Um Kindeswohlgefährdungen beheben zu können, reicht ein gesunder Menschenverstand nicht aus. Bürger wissen wenig oder das Falsche über die Kinder- und Jugendhilfe in der Schweiz. Bei unserer Profession geht es darum, belastende Situationen im Alltag von betroffenen Kindern zu erkennen, zu mindern und das Kindswohl wieder herzustellen. Dazu braucht es entsprechendes Wissen und Können. Wenn man das nicht richtig tut, sind die Folgekosten für die Gesellschaft langfristig viel höher.

Schafft denn das Angebot nicht auch die Nachfrage?

Gabriele Buss: Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass es früher weniger Probleme, mehr soziale Kontrolle und Solidarität gab. Die Angebote sind nicht neu, die bestehen schon lange, sie differenzieren sich höchsten mehr aus, wie das in vielen anderen Berufen auch der Fall ist.

Joachim Buss: Heute wird genauer hingeschaut. Kinder und Jugendliche sind schliesslich auch unsere Zukunft.

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